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Sind die deutschen Verlage bei der Wahl ihrer Übersetzer zu unkritisch?
Nach vielen schlechten und nur wenigen guten deutschen Übersetzungen von zeitgenössischer Literatur lese ich mittlerweile alle Bücher im Original (soweit ich die Sprache beherrsche). Selbst bei großen Bestsellern, wie den Harry Potter Büchern, wird durchgängig ein und derselbe Übersetzer rangelassen, dessen Englischkenntnisse noch nicht einmal ausreichen, um Sprichwörter und Idiome zu erkennen (kann man ja auch wörtlich übersetzen. . . ). Der Herr ist auch nur ein Beispiel für viele dieser “Übersetzungsgenies”. Vielleicht kann sich auch noch jemand von euch an die skandalöse Folge des literarischen Quartetts erinnern, als Haruki Murakamis Werk aufgrund einer fehlerhaften Übersetzung völlig zerrissen wurde, weil keiner das japanische Original gelesen hatte. Dies bezeichnete das Ende dieser sonst so seriösen Sendung. Woran liegt es, dass so viele inkompetente Übersetzer ans Werk gehen dürfen? Wie kommen die überhaupt an ihren Job? Schlafen die Lektoren?@ TR: Schlechte Autoren habe ich jetzt mal ausgeklammert
Es geht eher darum, dass den Übersetzern in der Original- und/oder Zielsprache die nötigen Kenntnisse fehlen, um überhaupt irgendwas anständig zu übersetzen. Sorry, sollte DR Eisendraht heißen (note to self: nicht telefonieren und tippen gleichzeitig). @ Alberich: Wie würdest du dann bei Bestsellern argumentieren (s. o. )? Also wenn wirklich großer Erfolg zu erwarten ist. @ Gaston: Da gebe ich dir recht, unter Zeitdruck ist es oft schwierig, “sauber” zu übersetzen. Aber wenn man nicht genug Englisch kann, um Redewendungen und Sprichworte zu erkennen (denn um sie evtl. nachzuschlagen, muss man erstmal wissen, dass es Sprichworte sind), bringt mehr Zeit auch nichts. . . Zu den Details, ein Beispiel des HP Übersetzers, im Originaltext: “Keep your hairnet on!” (Umwandlung des englischen Sprichworts “Keep your hair on!” weil die besagte Dame immer mit Haarnetz rumrennt. => “Reg dich ab/Komm mal runter/Steiger dich nicht rein”, usw. ). Und was macht der deutsche Übersetzer? “Pass auf dein Haarnetz auf!”
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March 21st, 2010 at 2:44 pm
Schlechte Autoren gut zu übersetzen ist mehr als Kunst.
March 21st, 2010 at 3:21 pm
Qualität kostet Geld, und wer nicht bereit ist, für eine hochwertige Übersetzung eine entsprechende Summe zu investieren, muß sich also derjenigen Freiberufler bedienen, die ihr Dasein (meist notgedrungen) mit Übersetzungsarbeiten frönen. …da wird genauso gespart. Warum sollten die 20 €/Stunde für einen Übersetzer ausgeben, wenn sie auch einen für die Hälfte bekommen können?Ich publiziere selbst gelegentlich Fachartikel und lasse mir die Übersetzungen von der Redaktion vorlegen bevor ich meine Publikationserlaubnis gebe. Ich liebe die betroffenen Blicke der Redakteure, wenn ich den korrigierten, übersetzten Text abgebe.
March 21st, 2010 at 3:57 pm
Übersetzer ist ein absolut mieser Job und Verlage sind, wie alle Unternehmen, geldgeil. Die Bezahlung ist unterirdisch, das Pensum extrem hoch (überleg mal, wieviel Zeit zwischen dem Erscheinen des letzten Potter-Bandes in Englisch und Deutsch lagen)Dazu kommt, dass es gar nicht so viele Menschen gibt, die einen literarischen Text in beiden Sprachen beherrschen. Lektoren, die einen Text qualifiziert überprüfen, gibt es häufig kaum mehr. Auch solche Leute kosten Geld und Zeit. Bei einem Harry Potter, um beim Beispiel zu bleiben, müsste man ja mehrere Lektoren einsetzen, die nicht nur die Qualität des Textes, sondern auch die Kontinutät im Auge behalten. Das macht kein Verlag mehr. Die meisten Häuser sind in den Händen von Investoren (den sogenannten Heuschrecken). Da geht’s nur ums schnelle Geld. Im übrigen kann man ja vielleicht mehrmals verdienen, wenn man in ein paar Jahren mit einer zweiten Ausgabe in “neuer, verbesserter” Übersetzung heraus kommt. Ich kenne Harry Rowohlt, der ein anerkannt glänzender Übersetzer ist, persönlich und hatte ein paar Male Gelgenheit mit ihm über seine Profession zu plaudern. Er erzählte, dass er anfangs kaum von seinen Übersetzungen leben konnte, weil er dem Verlag nicht schnell genug war. Auf den Einwurf, dass eine gewisse Sorgfalt ja nötig sei, wurde ihm mehr als einmal angedroht, einen Text von anderen übersetzen zu lassen. Inzwischen, so sagt er, hat er einen Status erreicht, der es ihm erlaubt, die Texte selbst zu wählen und sich die Zeit zu lassen, die er braucht. Aber Rowohlt ist eine extreme Ausnahme. @Detals: Manchmal würde Zeit schon helfen. Wie übersetzt man z. B. “speaking in tongues” (Nick Hornby verwendet den Begriff gerne) wirklich elegant. Die Übersetzung “in Zungen sprechen”, die der deutsche Übersetzer gewählt hat, finde ich unschön. Andererseits fehlte auch ihm die Zeit wirklich gründlich über eine bessere Lösung nachzudenken. . .
March 21st, 2010 at 4:40 pm
Leider kann man als Übersetzer nur überleben, wenn man seinen Job quasi im Akkord erledigt und darunter leidet die Qualität, weil man nicht die Zeit hat, sich wirklich gründlich mit dem Text und vor allem auch den Eigenarten des Autoren zu beschäftigen. Manche Verlage beschäftigen inzwischen überwiegend Studenten, die das nebenbei machen – die sind billiger. . . . Ich lese auch fast nur noch im Original, weil es eben so viele miese Übersetzungen gibt, wobei das bei “normalen” Romanen fast noch geht. Schwierig wird es erst, wenn ein Fachgebiet angesprochen wird, von dem der Übersetzer keine Ahnung hat und wenn dann der Lektor auch nicht mitdenkt, kommt wirklich Schwachsinn dabei raus. Ich habe vor langer Zeit mal ein Jugendbuch in der Hand gehabt, bei dem es um Eiskunstlauf ging, ein Gebiet, in dem die Amis etwas blumige Ausdrücke mögen. Und die wurden dann 1:1 übersetzt, heraus kamen u. a. Fliegende Kamele (Eingesprungene Pirouette), Gespreizte Adler (in dem Fall mit gespreizten Beinen und ohne Hüftknick eine Acht auf dem Eis fahren, der deutsche Fachausdruck ist Mond) und Wendeltreppen (spiral = Spiralschrittfolge). Das Ganze war so traurig, dass es schon wieder lustig wurde.
March 21st, 2010 at 5:21 pm
deine wut scheint mir ein bisschen zu einseitig. mir kommt nur in den sinn, dass umberto eco zu dem thema gemeint hat, seine übersetzer seien die leute, die seine bücher so genau lesen wie niemand sonst. und die mehrdeutigkeiten in texten zu übersetzen, ist wohl etwas vom undankbarsten an der ganzen arbeit. oft wirft man entweder die unwichtigere bedeutung über bord, oder man versieht den text mit einer fussnote, was auch nicht gerade besonders prickelnd ausschaut.
March 21st, 2010 at 6:10 pm
Ich lese auch nur original Versionen (wenn es meine Sprachkenntnisse erlauben). Da ich Übersetzungen oft furchtbar finde. Nicht nur weil sie manchmal einfach nur schlecht sind, aber auch weil, wie ich finde, auch bei guten Übersetzungen oft etwas verloren geht. Ich bin zwar beruflich keine Übersetzerin, habe aber in meiner Arbeit (wegen meinen Sprachkenntnissen) oft technische Texte etc. übersetzt. Was viele Leute, die nicht übersetzen, oft vergessen (und vielleicht auch Verlage) ist, dass man für eine gute Übersetzung oft genau so lange braucht wie für den original Text (damit man wirklich die Sachen / Begriffe / Redewendungen etc. recherchieren kann – bei Romane vielleicht nicht ganz so lang, man muss die Geschichte ja nicht neu erfinden). Man hört von Leuten oft so Sätze wie “übersetze das mal” als ob das ganz einfach und schnell ginge. Richtig gut übersetzen ist eine Kunst für sich, vielleicht verstehen das die Verlage einfach nicht. Vielleicht ist ihnen das aber einfach nur egal weil sie denken die Leute kaufen das Buch ja sowieso (nicht jeder kann die Bücher in original lesen) und sie wollen nicht mehr Geld für eine gute Übersetzung ausgeben.